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Angler fangen so viel Dorsch in der Ostsee wie die Berufsfischer?

Seit 01. Januar 2017 gilt für Angler in der westlichen Ostsee ein Baglimit beim Dorschfang. Bereits vor der Einführung des Baglimit waren von Wissenschaftlern und Politikern Aussagen zu hören, dass wir Angler so viel Dorsch fangen und entnehmen würden, wie die kommerzielle Fischerei. Bezweifelt haben das viele Angler, die Zahlen von ICES (International Council for the Exploration of the Sea) sprechen jedoch auch eine deutliche Sprache und zwar zu Gunsten von uns Anglern.


  Hinweis

Am 15.10.2019 hat der Ministerrat der Europäischen Union das Baglimit für 2020 beschlossen. Alle Informationen dazu findest du im Artikel: Baglimit 2020 für Dorsch in der Ostsee.


Die Dorschfänge der Meeresangler basieren auf einem 3-Jahres-Mittelwert

Egal ob wir die Jahre vor Einführung des Baglimits für einen Vergleich heranziehen oder die letzten 3 Jahre. Der Anteil der Fänge der Angler liegt in beiden Szenarien bei nur einem Drittel. In Erinnerung bleibt uns hierzu aber ein Interview von Dr. Zimmermann vom Thünen Institut am 09.10.2016 in der ARD:

„Freizeitfischer fangen in der Ostsee viel mehr Dorsche, als bisher angenommen. Nach jüngsten Erhebungen über 3000 Tonnen im Jahr und damit etwa genau so viel wie die gesamte kommerzielle Fischerei!“

Mehr als 3.000 Tonnen mögen ja in der Vergangenheit korrekt gewesen sein, aber wir vergleichen keine Äpfel mit Birnen. Die Politik hat diese Vorlage natürlich gerne aufgenommen und über die Medien verbreitet. Bis heute wird diese Aussage gerne in jedem Interview verwendet, um neue Anglerbeschränkungen zu rechtfertigen. So sind diese Aussagen erst einmal in den Medien öffentlich und wen interessiert schon eine Gegendarstellung?

Anglerfänge beim Dorsch in der Ostsee sind immer deutlich niedriger

Wir haben verschiedene Zeiträume überprüft und in keinem Szenario waren die Anglerfänge nur annähernd ähnlich groß wie die Fänge der kommerziellen Fischerei. Weder in einzelnen Jahren, noch im 3- Jahres- Mittel. In den Jahren von 2014 bis 2016 hatten die Anglerfänge zum Beispiel lediglich einen Anteil an der Gesamtentnahme von knapp 35%, in den Jahren 2016 bis 2018 gar nur noch 31,4%.
1 faenge in prozent 14 16Die prozentuale Verteilung der Dorschfänge zwischen Berufsfischerei und Anglern von 2014 - 2016
2 faenge in prozent 16 18Die prozentuale Verteilung der Dorschfänge zwischen Berufsfischerei und Anglern von 2014 - 2016

Im ICES Advice werden unsere Aussagen sogar bestätigt

So heißt es im aktuellen ICES Advice für das kommende Jahr „In 2018 the recreational catches included in the stock assessment constituted 30% of the total catches.“ (2018 betrug der Anteil der in die Bestandsbewertung einbezogenen Anglerfänge 30% der Gesamtfänge). Diesen Satz haben die Damen und Herren in der EU- Kommission anscheinend überlesen. Denn es wird ja in der Empfehlung der EU-Kommission weiterhin eine Gleichbehandlung der Berufsfischer mit uns Anglern empfohlen. Eine Gleichbehandlung?

Keine Gleichbehandlung zwischen Berufsfischerquote und Baglimit für Anglern erkennbar

Wie haben sich eigentlich die Anglerfänge im Verhältnis zur Berufsfischerei in den letzten Jahren entwickelt? Auch das haben wir uns mal genauer angeschaut. So lagen die durchschnittlichen Fänge der Berufsfischer in den Jahren 2014 bis 2016 bei 7532 Tonnen im Jahr, bei uns Anglern bei 4039 Tonnen. In den Jahren 2016 bis 2018 fingen Berufsfischer 4673 Tonnen im Mittel, Angler nur noch 2140 Tonnen. Somit sind die Anglerfänge im Mittel um 47% zurückgegangen, die Fänge der Berufsfischer hingegen nur um 38% rückläufig.
Folie5Die Entwicklung der Dorschfänge verschiebt sich laut Wissenschaft zu Ungunsten der Angler

Von einer Gleichbehandlung dürfen wir ohnehin nicht sprechen, denn die angeltouristischen Betriebe erhalten keinerlei finanzielle Unterstützung aus dem EMFF (Europäischer Meeres- und Fischereifonds). Das obwohl wir durch die CFP (gemeinsame Fischereipolitik) beschränkt werden und es im EMFF heißt „Der Fonds bildet die Grundlage für die Finanzierung der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) der Europäischen Union.“. Für die angeltouristischen Betriebe gilt somit in der CFP das Motto „beschränken und verbieten ja, finanzielle Hilfe NEIN“.

Die EU Kommission bleibt ihrem Motto auch in 2020 treu - Benachteiligung der Angler beim Baglimit

Der Vorschlag der EU Kommission für 2020 orientiert sich am sogenannten FMSY_lower (Referenzwert für die Fischereiliche Sterblichkeit in Übereinstimmung mit höchstem Dauerertrag) des ICES Advice. Dieser Wert sieht laut Advice eine Gesamtfangmenge von 5205 Tonnen vor, davon 3065 Tonnen für die Berufsfischerei. Somit bleiben theoretisch 2140 (der 3-Jahres-Mittelwert der Anglerfänge) Tonnen für uns Angler, um die Ziele gemäß der Mehrjahrespläne der EU zu erreichen.
ICES FMSYlowerDie Benachteiligung der Angler beim Baglimit für Dorsch ist in der Grafik klar erkennbar
Die Europäische Kommission hatte übrigens den ICES gebeten, Informationen über Fangmengen im Einklang mit der Bestandserhaltung bereitzustellen. Doch die EU möchte im Rahmen der Gleichbehandlung von Anglern zur Fischerei – die es ja noch nie gab, weder bei Fangmengen noch bei finanziellen Hilfen – auch die Anglerfänge um rund 70% kürzen und somit die ICES Informationen für uns Angler negativ anwenden. Damit hätten wir dann nämlich lediglich knapp 650 Tonnen zur Verfügung.
2 Vorschlag der EU Kommission fuer 2020Verteilung der Fänge wieder zu Ungusten der Angler laut EU-Kommission
Wo bleiben die restlichen 1500 Tonnen? Verhandlungsmaße für die Berufsfischerei, um hier die Quotenreduzierung abzumildern? Das ist natürlich reine Spekulation, aber wundern würde es uns definitiv nicht, nach den Erfahrungen der letzten Jahre.

Aussagen der Wissenschaft machen Hoffnung für Angler

So hat Herr Dr. Zimmermann vom Thünen- Institut in einem Interview vor wenigen Wochen gesagt, dass das Baglimit aus wissenschaftlicher Sicht bei 7 Dorschen pro Angler im kommenden Jahr bleiben kann. Auch Dr. Lewin vom Thünen- Institut hat auf dem Krisengipfel des Wassertourismus in Schleswig-Holstein e.V. in der letzten Woche angeführt, dass es keine Rolle spielen würde, ob die Tagesfangbegrenzung bei 2, 5 oder 7 Dorschen liegt. Das ist für den Erhalt des Dorschbestandes nicht entscheidend. Zudem merkte er an, dass das Baglimit nicht so viel bringe, wie manche Leute glauben. Diese wissenschaftlichen Aussagen müssen jetzt schnellstmöglich der EU- Kommission vorgelegt und an die Fischereiminister vor ihrer Entscheidung im Oktober weitergeleitet werden.

Fazit

Wir Angler möchten für das kommende Jahr nicht einmal mehr eine Erhöhung des Baglimit, obwohl wir in den letzten Jahren benachteiligt wurden und das Baglimit lediglich als temporäre Maßnahme angekündigt wurde. Nein, wir möchten Fairness und Gerechtigkeit - und die Menschen, die vom Angeltourismus abhängig sind, eine Zukunft. Es bedarf keiner neuen Einschränkungen, denn der Dorsch ist in der westlichen Ostsee weiterhin auf einem guten Weg. Angler haben ihren Anteil zur Erholung beigetragen und jede weitere Einschränkung vernichtet Arbeitsplätze!

Wenn sich die Dorschbestände weiterhin positiv entwickeln, muss für die Zukunft über eine Abschaffung des Baglimit ab 2021 verhandelt werden. „Temporär“ darf nicht stillschweigend zu „dauerhaft“ werden! Das Beispiel Baglimit sollte für alle Angler eine Warnung sein, dass die Folgen eins Managements der Angler durch die Gemeinsamen Fischereipolitik der EU ein hohes Risiko darstellt und Rechtsmittel gegen daraus resultierende EU Verordnungen nahezu ausgeschlossen sind.



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Kommentare  

https://www.youtube.com/watch?v=p-a65PwtwRE

Ein wunderbarer Film zum Thema. Allerdings schon einige Jahre alt. Ab ca. 33:00 min wird auch offen gesagt und gezeigt, wer für das Dorschdilemma verantwortlich ist. Gruß Dirk
Antworten
Lieber Fürstenwalder, dumm nur, dass es da bei Deinem Video um Kabeljau im Atlantik und nicht um Dorsch in der Ostsee mit einer ganz anderen Problematik geht.

Aber danke, dass Du dennoch auf den Punkt Atlantikkabeljau hinweist, auch wenn das Thema hier Ostseedorsch ist..
Antworten
Lieber Thomas,
gibt es noch mehr Unterschiede, außer natürlich, dass Gadus morhua Dorsch genannt wird, wenn er in der Ostsee lebt und Kabeljau, wenn er nicht in der Ostsee lebt? Das Grundproblem bleibt das gleiche. Die Überfischung.
Antworten
Selbst der Ost und Westbestand in der Ostsee kann genetisch unterschieden werden (Thünen, GEomar etc.).
Da nützen auch gleiche lateinische Namen nichts.
Zudem hat Thünen klar postuliert, dass es beim Ostdorsch NICHT Überfischung ist und die vollkommene Einstellung der Fischerei daher keinen Aufbau des Laicherbestandes von mehr als 4 % bringt - Statistisches Rauschen.
Daher:
Lass einfach Deinen Kabeljau im Atlantik, hier gehts um Ostsee mit ganz anderen Problematiken (Salz, Sauerstoff, geschützte Prädatoren (Prof Sture Hannson Uni Stockholm, Reduktion vom Kormoran, Robben und Otter um 75%: https://www.youtube.com/watch?v=tPwLXHYt3xs))..
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