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Ostseefischerei steht vor brutalem Strukturwandel

– EU-Vorschlag für Ostseequoten 2020 veröffentlicht –
– Fast alle Quoten sollen stark gesenkt werden –

Den Ostseefischern stehen schwere Zeiten bevor. Im nächsten Jahr drohen bei fast allen Beständen erhebliche Quoteneinbußen. Von den zehn durch die EU-Kommission vorgeschlagenen Quoten, sollen acht, zum Teil sehr deutlich, gesenkt werden. Nur bei einer Quote wird eine Anhebung vorgeschlagen, und eine soll auf dem Stand dieses Jahres bleiben (Tabelle nachstehend).

Im letzten Jahr wurden die Quoten von der EU noch so festgelegt, dass 95 % der Anlandungen aus nachhaltig bewirtschafteten Beständen stammen sollten. Es hieß sogar, die Ostsee wäre ein Vorbild für die nachhaltige Bewirtschaftung der Fischbestände in der EU. Die Wissenschaft hat jetzt allerdings festgestellt, „… dass die Situation weniger stabil war als bisher angenommen. Durchgreifende Maßnahmen sind daher erforderlich, um alle Bestände wieder aufzubauen und sicherzustellen, dass sie im Einklang mit dem MSY auf ein nachhaltiges Niveau wachsen oder auf diesem bleiben“, teilte die EU-Kommission in ihrer Pressemitteilung vom Freitag letzter Woche mit.

Auswirkungen auf die gesamte Branche

Sollte dieser Vorschlag 1:1 umgesetzt werden, hätte das drastische Auswirkungen auf die gesamte Branche. Viele Betriebe an der Ostseeküste könnten diese extremen Kürzungen nicht mehr verkraften. Diese würden dann Pleite gehen, und die nachgelagerten ökonomischen Strukturen an der Küste würden irreversibel zerstört werden. Das Ganze hätte Auswirkungen auf die Erzeugerorganisationen, über die Verbände bis hin zur fischverarbeitenden Industrie an der Ostseeküste. Bei 1.462 Tonnen Hering wird beispielsweise das Fischverarbeitungswerk Euro Baltic in Sassnitz Mukran im nächsten Jahr wohl keinen Ostseehering mehr annehmen, da sich das Werk mit dieser geringen Menge nicht rentabel betreiben lässt. Beim Bau des Werkes ging man von 20-50.000 Tonnen Hering aus deutschen Gewässern aus. Soviel konnte in den Jahrzehnten der DDR-Bewirtschaftung gefangen werden.

Das europäische Management der Fischbestände in der Ostsee ist gescheitert

Schuld am Zustand der Dorschbestände und des westlichen Herings ist nach Angaben der Wissenschaft nicht die Überfischung. Die Fischer und ihre Organisationen sehen das europäischen Managements in der Ostsee als gescheitert an. Hierfür machen sie die unzureichende Wissensbasis für den Ostsee-Mehrjahresplan verantwortlich. Zudem gibt es in der EU keine wirtschaftliche Folgenabschätzung der Managemententscheidungen und kein Krisenmanagement für eine nachhaltige Sicherung der wirtschaftlichen Strukturen.

Der Präsident des Deutschen Fischerei-Verbandes, Dr. Gero Hocker, sagte in einer ersten Reaktion auf den Kommissionsvorschlag: „Es wird Zeit, dass die Kommission anfängt, alle drei Säulen der Nachhaltigkeit gleichrangig zu berücksichtigen, also auch die wirtschaftliche und soziale Stabilität beachtet.“

Offensichtlich vollziehen sich auch durch den Klimawandel im Ökosystem der Ostsee massive Veränderungen und die Wissenschaft ist nicht in der Lage, diese zeitnah zu erklären und im Management zu berücksichtigen. Leidtragende sind in diesem Fall die Fischer. Noch im letzten Jahr hatte der ICES beispielsweise ein Anwachsen des westlichen Dorschbestandes um 55 % auf 75.000 Tonnen in 2020 vorausgesagt. Jetzt glauben die Wissenschaftler, dass der Nachwuchsjahrgang 2016 doch nur halb so groß ist, wie noch im letzten Jahr angenommen. Daraus folgen dann eine Schätzung des Elterntierbestandes für 2020 von nur noch 29.600 Tonnen und eine Absenkung der Fangmenge um 68 %.

Ähnlich haarsträubend ist der Vorschlag für den Hering in der westlichen Ostsee. Nachdem hier jahrelang die wissenschaftliche Empfehlung 1:1 in die Verordnung über die Fangmöglichkeiten überführt wurde, gab es bereits im letzten Jahr eine Nullfangempfehlung. Die wurde vom ICES auch in diesem Jahr wiederholt. Die EU-Kommission hat daraus in ihrem Vorschlag nun eine Absenkung der Gesamtfangmenge von 71 % gemacht. Da gleichzeitig auch noch die Quoten für Sprotte (-25 %) und Scholle (-32 %) gesenkt und beim östlichen Dorsch nur noch eine geringe Zahl an Beifängen erlaubt werden sollen, wird es wohl das Aus für viele Betriebe bedeuten. Ausweichmöglichkeiten sind nicht vorhanden, und auch eine staatliche Unterstützung wird kaum groß genug sein, um den Bankrott der Betriebe abzuwenden.

Bruno Böhrk, Stellnetzfischer und Vorstandsvorsitzender der Fischergenossenschaft Fehmarn eG. kann den Vorschlag der EU-Kommission nicht nachvollziehen: „Unsere kleine Restflotte ist doch gar nicht mehr in der Lage, irgendwas zu überfischen. Deshalb ist das ein Armutszeugnis für die gesamte EU-Fischereipolitik. Wenn Nachhaltigkeit bedeutet, alle Quoten zu senken, bis irgendwann eine Null dasteht, dann kann das kein Mensch mehr nachvollziehen. Das beste Beispiel ist doch der westliche Hering. Jahrelang hat die EU sich an die Empfehlung vom ICES gehalten mit dem Ergebnis, dass im letzten Jahr dann ein Fangstopp empfohlen wurde.“

Freizeitfischerei ebenfalls betroffen

Die vorgeschlagene Kürzung des Bag-Limits für den westlichen Dorsch auf zwei Dorsche pro Angler und Tag hat auch Auswirkungen auf die Freizeitfischerei. Die Angelkutter an der Ostseeküste werden bei diesem Bag-Limit ihren Betrieb einstellen müssen. Seit der Einführung des Bag-Limits von fünf Dorschen pro Angler und Tag vor zwei Jahren haben mehr als die Hälfte der Angelkutter aufgegeben. Nun droht die komplette Abwicklung dieser Branche, wenn das Bag-Limit auf zwei sinkt. Aber auch die Bootsvermieter, Angelgeschäfte und der Tourismus an der Ostseeküste werden diese Entscheidung zu spüren bekommen, denn Angler gehören zu den Touristen in der Küstenregion, die auch außerhalb der Saison an die Ostsee reisen. Breits jetzt gibt es Aussagen von Gästen, dass sie bei einem Bag-Limit von zwei Dorschen pro Tag nicht wiederkommen würden.

Ob es soweit kommt, entscheidet sich im Oktober. Dann beraten die Fischereimister der Mitgliedsstaaten über den Vorschlag der EU-Kommission und legen die Gesamtfangmengen für die Ostsee für das Jahr 2020 fest.


Vorschläge der EU-Kommission für die Ostseequoten 2020

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Da sich Fischereiminister in Bezug auf Freizeitfischerei eher bei NABU und co informieren als bei Anglern, kann sich jeder ausmalen, was dabei rauskommt
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