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Das Institut für Osteefischerei des Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitutes für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, hat seit 2014 ein Markierungsprojekt in der Ostsee für Dorsche und Plattfische, zur Grundlagenforschung, laufen.

Am 26.02.2019 erhielt ich eine freundliche Mail von Dr. Lemcke aus dem MELUND in Kiel.

Dr. Lemcke und ich haben ja seit einigen Jahren zu vielen verschiedenen Themen einen regelmäßigen fachlichen und immer fairen Austausch rund um unser aller Hobby. Dr. Lemcke bat mich, ein Projekt des Thünen- Institutes bekannter zu machen.

Viele Angler an der Basis erreichen!

Verständlicherweise ist eine Verwaltung in den typischen Anglermedien nicht präsent. Wir Angler müssen ja auch ehrlich zugeben, dass die Lektüre von Seiten einer Behörde oder wissenschaftlichen Instituten auch nicht zu unseren Schwerpunkten im Internet gehört.
Aber meine Aktivitäten in verschiedenen sozialen Netzwerken sind auch dem MELUND nicht entgangen. Dr. Lemcke fragte mit der Mail bei mir persönlich an, ob wir u.a. bei „Netzwerk Angeln“ oder auch auf verschiedenen Facebook- Seiten und im Forum des Landessportfischerverbandes Schleswig Holstein e.V. dieses Projekt einmal bekannter machen könnten, um möglichst die Anzahl der Rückläufe zu erhöhen.


Bisher sind die Rückmeldungen leider unterdurchschnittlich, was das Institut veranlasst hat, nach weiteren Veröffentlichungsmöglichkeiten zu suchen, um das Anliegen breiter bekannt zu machen. Die Rückmeldungen von Anglern sind eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass man später sinnvolle wissenschaftliche Auswertungen durchführen kann.

Das Projekt "MARKIERTE DORSCHE UND PLATTFISCHE" des Thünen- Instituts

Seit Oktober 2014 markiert das Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei (Thünen-OF) regelmäßig lebende Dorsche und Plattfische und entlässt sie wieder in ihr Element. Die markierten Fische werden derzeit vor allem in zwei Regionen freigelassen:

  • Fehmarn
  • Nordostküste von Rügen

Das Thünen - Institut hofft, dass Fischer und Angler diese markierten Fische wiederfangen und an das Institut übergeben. Auf diese Weise möchte das Institut herausfinden, wie alt die Tiere bei einer gegebenen Länge sind, wie schnell sie wachsen, und wie sie sich verteilen.
Einfache Markierungsexperimente an Dorschen und Plattfischen wurden zwar schon früher durchgeführt, liegen aber oft schon Jahrzehnte zurück. Der Zusammenhang von Wanderungen, exaktem Alter und Wachstum wurde bei Dorschen und Plattfischen bisher noch nie untersucht. Und die Wissenschaftler von damals verfügten leider auch noch nicht über die analytischen Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen.

Äußerlich und innerlich markiert

Äußerlich sind die Tiere mit einer dünnen, farbigen Kunststoffmarke gekennzeichnet, die mit dem Institutskürzel und einer individuellen Nummer beschriftet sind. Die Marke ist auf Höhe der ersten Rückenflosse im Dorsch verankert, bei Plattfischen auf der Oberseite. Innerlich wurden die Dorsche mit einem Farbstoff markiert, der sich in den Gehörsteinen (Otolithen), die im Innenohr der Dorsche liegen, ablagert. So ist der erste Tag des Fanges im Gehörstein markiert.

 

Was tun mit einem wiedergefangenen Fisch?


Wer als Fischer oder Angler einen markierten Fisch fängt, möchte bitte Thünen anrufen oder mailen:

  • Telefon: 0381 / 8116-102
  • oder E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Wichtig ist: Das Thünen Institut benötigt
den ganzen, nicht ausgenommenen Fisch.

Bitte den Fisch kühl lagern.
Das Thünen Institut kümmert sich dann um eine zeitnahe Abholung.

 

Warum benötigt das Thünen Institut ganze Fische?
Weil das Thünen Institut so neben den Gehörsteinen im Kopf des Tieres wichtige Zusatzinformationen erheben kann, z.B. zu Länge, Gewicht, Geschlecht, Reifegrad der Gonaden, Mageninhalt und Parasitierungsgrad des Tieres.

 

20.- Euro bzw. 100.- Euro Prämie für Angler

Falls ein GANZER Fisch geliefert wird, wird zusätzlich die Bankverbindung benötigt, um die Belohnung von derzeit 20 Euro auszahlen zu können bzw. für einen Wiederfang mit zwei Marken die Prämie von 100 Euro ( Einige Tiere wurden doppelt markiert. ). Wer einen markierten Fisch gefangen hat und melden will, findet hier das notwendige Formular als PDF.

flyer markierte fische seite1

flyer markierte fische seite2


Erfahrungen mit der Wissenschaft beim Angeln

Schon immer mache ich mir bei wissenschaftlichen Projekten meine Gedanken. Leider haben wir Angler ja nicht nur gute Erfahrungen mit verschiedenen wissenschaftlichen Aussagen und Studien gemacht und meine Meinung zur Wissenschaft ist zweigeteilt. Beim Baglimit haben wir ja auch die Wissenschaft kritisch hinterfragt, bei den Angelverboten hingegen hat sich die Wissenschaft (zum Beispiel das Thünen- Institut) gegen die Angelverbote ausgesprochen und uns Angler unterstützt. Auch die Arbeit an der Uni Hamburg unterstützen wir gerne und regelmäßig.

 

Offene Fragen von Anglern zum Markierungsprojekt klären

Nachdem ich mich über das Projekt informiert habe, gab es für mich noch offene Fragen. Diese Fragen habe ich an das MELUND und an den Projektleiter vom Thünen- Institut Dr. Uwe Krumme gestellt.

 

Frage an Behörde:  Anrechnung der Wissenschaftsfische auf Baglimit?

Meine Frage an das MELUND war einfach und sicherlich für Angler typisch:
"Werden diese Dorsche auf das Baglimit angerechnet?""

Antwort Dr. Lemcke:
Das Baglimit gilt nach der entsprechenden EU-Verordnung unmittelbar, und dort ist keine Ausnahme, wie z. B. Abzug von Fischen "für die Wissenschaft" vom Limit, geregelt. Daher kann ich hier leider keine Ausnahmemöglichkeit erkennen. Bei Betrachtung des Gesamtzusammenhangs spricht auch gegen eine Ausnahme, dass der abgelieferte markiere Fisch ja vom TI honoriert wird (was im Zweifelsfalle im Sinne eines "Schadensausgleichs" für den entgangenen Speisefisch zu werten sein dürfte).

 

Fragen zum Projekt aus Anglersicht an den Projektleiter Dr. Uwe Krumme

 

Lars Wernicke: Wer ist der Auftraggeber für dieses Projekt?

Dr. Uwe Krumme: Die Markierungen in der westlichen Ostsee an Dorsch und Plattfischen sind Teil der Forschungsarbeiten des Thünen-Instituts für Ostseefischerei. Unsere Markierungen an Dorschen in der Arkonasee in den letzten Jahren fanden im Rahmen des internationalen Projektes TABACOD statt, das von der schwedischen Stiftung Baltic2020 unterstützt wird (siehe auch http://www.tabacod.dtu.dk/deutsch). Es handelt sich in jedem Fall nicht um eine Auftragsarbeit für Dritte, sondern eigene Forschungen des Thünen-Instituts im Rahmen unserer Aufgaben.

 


Lars Wernicke: Welche Ziele verfolgt man mit diesem Projekt und wer erhält Zugriff auf die Daten?

Dr. Uwe Krumme: Mit einem Markierungsprojekt erreicht man immer mehrere Ziele gleichzeitig. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir herausfinden, wie alt Dorsche und Plattfische bei einer gegebenen Länge sind (Altersvalidierung über die Gehörsteine), wie schnell sie wachsen (Wachstum), und wie sie sich verbreiten (Wanderungen und Verbreitung). Diese Daten verbessern idealer Weise die Qualität der Bestandsberechnung und damit die Zuverlässigkeit der Vorhersage. Zugriff auf die Daten hat das Thünen-OF; Zugriff auf die Daten aus TABACOD haben auch die anderen TABACOD-Projektteilnehmer (dänische, schwedische und polnische Forscher). In beiden Fällen werden die Ergebnisse durch Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften verfügbar gemacht

 


Lars Wernicke: Können Sie ausschließen, dass es durch dieses Projekt zu Beschränkungen für Angler kommen wird, insbesondere durch Informationen zu den Fangplätzen?

Dr. Uwe Krumme: Es handelt sich hier um Grundlagenforschung, wir sind also daran interessiert, wertfrei Neues herauszufinden. Es lässt sich weder absehen noch ausschließen, welche Folgen die Ergebnisse für welche Akteure haben oder nicht haben. Bessere Kenntnisse über die Biologie einer Zielart sind fast immer nützlich für den Nutzer der Ressource, aber es kann z.B. sein, dass man aus den Daten ableiten kann, dass eine Laichschonzeit sinnvoll für den Erhalt der Nachwuchsproduktion ist. Die Folge KÖNNTE dann sein, dass die Berufs- und Angelfischerei in dieser Zeit eingeschränkt wird, um die Entnahmemenge insgesamt erhöhen zu können. Dies könnten Sie als zusätzliche Beschränkung sehen, wir würden es als sinnvolle Erweiterung des Managements bezeichnen – immer vorausgesetzt, die Daten ergeben dafür stichhaltige Belege. Die gesammelten Daten dienen ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken. Übergeordnetes Ziel ist die Gewinnung einer fundierten Wissensgrundlage, um eine langfristig nachhaltige Nutzung der Fischbestände zu gewährleisten. Weiteres Beispiel: Wenn wie beim Ostdorsch herauskommt, dass sich das Wachstum der Dorsche massiv verringert hat und sich dadurch die Produktivität des Bestandes reduziert, kann das am Ende durchaus in Absenkungen der erlaubten Entnahmemengen resultieren. Andererseits hat unsere jüngste Veröffentlichung zum Wachstum des Westdorsches, die auf umfangreichen Wiederfängen basiert (McQueen et al. 2018 Growth of cod (Gadus morhua) in the western Baltic Sea: estimating improved growth parameters from tag-recapture data. https://doi.org/10.1139/cjfas-2018-0081 ) gezeigt, dass der Westdorsch deutlich schneller wächst als bisher angenommen und somit auch produktiver erscheint, was sich wiederum positiv auf die Wahrnehmung des Bestandszustandes und die Fangmengen auswirken kann. Letztendlich entscheidet aber immer die Politik über Managementmaßnahmen und nicht die Wissenschaft.
Wir sind natürlich an genauen GPS-Daten interessiert. Ich habe aber bisher von keinem Fischer oder Angler gehört, dass er Sorge hatte, mit der Meldung eines Wiederfangs einen Fangplatz preiszugeben. Dies ist angesichts der geringen Wiederfangrate und der Ungenauigkeit, mit der die Wiederfangorte in der Regel dargestellt werden (siehe z.B. McQueen et al. 2018, Abb. 1) auch sehr unwahrscheinlich. Außerdem interessiert uns der Fangplatz nur, um mögliche Wanderungsbewegungen der Dorsche nachvollziehen zu können und nicht, um Fangplätze zu ermitteln.

 

Lars Wernicke: Wie viele Dorsche und Plattfische wurden seit Oktober 2014 (bzw. Beginn des Projektes) markiert? Wie viele „einfach“ und „zweifach“ und wie ist der bisherige Rücklauf von Fischern und Anglern?

Dr. Uwe Krumme: In deutschen Gewässern wurden seit 2014 von uns folgende Anzahlen markiert:
Dorsche: ca. 7000 mit einfacher Marke in SD22, ca. 6000 mit einfacher Marke in SD24, ca. 200 mit zwei Marken in SD24
Flunder: ca. 1400 mit einfacher Marke
Scholle: ca. 500 mit einfacher Marke
Kliesche: ca. 200 mit einfacher Marke
Steinbutt: ca. 70 mit einfacher Marke
Im Mittel haben wir eine Wiederfangrate von rund 1%. Zum Vergleich: Früher, also in den 1950/60/70er Jahren, lagen die Wiederfangraten durchweg im zweistelligen Bereich. Der Hauptteil der Wiederfänge kommt aus der kommerziellen Fischerei. Wiederfangmeldungen von Anglern machen derzeit eher einen kleinen Anteil aus. Wir vermuten, dass viele markierte Fische in der kommerziellen Fischerei nicht gefunden werden, also durch die Schlachtmaschine gehen, ohne dass sie als markiert identifiziert werden. Wir hatten aber auch schon Angler aus Süddeutschland, die erst Monate nach dem Fang beim Auftauen des Dorsches bemerkten, dass der Fisch markiert ist.

 

Lars Wernicke: Tatsächlich habe ich auch von Schwierigkeiten mit den Rückläufen an das TI im Internet gelesen. Sicherlich handelt es sich hierbei um Einzelfälle, doch eine professionelle Organisation der Transporte sollte zu jeder Zeit sichergestellt sein.

Dr. Uwe Krumme: Zu dieser Thematik kann ich Ihnen folgendes sagen: Fakt ist, dass es in Rostock zwei „Institute“ gibt, die Dorsche markieren. Das führte ein paar Mal schon zu Verwirrungen unter Anglern. Bei dem Wiederfang eines Fisches sollte man also die Informationen auf der Marke beachten. Das Institut für Fisch & Umwelt GmbH & Co. KG (FIUM; früher Verein für Fisch & Umwelt e.V., Fischerweg 408, D-18069 Rostock) markiert bereits seit 2007 Dorsche, hauptsächlich in der Nähe des künstlichen Riffes vor Nienhagen bei Warnemünde (Mecklenburg-Vorpommern); für Wiederfänge zahlte das FIUM bislang 5 Euro pro Marke (http://www.riff-nienhagen.de/newsmeldung00150.shtml). Bei Wiederfängen von FIUM-Dorschen gab es offenbar vereinzelt Schwierigkeiten bei der Organisation der Abgabe und der Prämienzahlung. Das FIUM-Projekt ist beendet, so dass keine Prämien mehr ausbezahlt werden können – wir versuchen, dies aufzufangen und zahlen in der Regel die Prämie aus unserem Etat, wenn sich der Fischer/Angler an uns wendet. Wir können aber natürlich für einen von FIUM markierten Dorsch, der keine innere Markierung enthält und damit für uns wissenschaftlich viel weniger wertvoll ist, nicht die gleiche Prämie bezahlen, wie sie für „unsere“ Dorsche vorgesehen ist. Uns ist kein Fall bekannt, in dem es nennenswerte Probleme bei der Bezahlung der Prämie oder der Rückführung der gefangenen Dorsche gegeben hätte, sofern es sich um die Thünen-Dorsche handelt. Diese Proben sind so wertvoll, dass wir fast alles versuchen, um sie zu bekommen. Wir bitten aber um Verständnis, dass wir im Sinne einer sparsamen Verwendung von Steuergeldern natürlich versuchen, Fahrten zu optimieren und deshalb nicht am Dienstag einen Wagen von Rostock nach Heiligenhafen schicken, um einen Dorsch zu holen, wenn wir am Donnerstag ohnehin eine Fischprobe aus diesem Gebiet holen müssen. In diesen Fällen bitten wir den Finder, den Fisch wie er ist einzufrieren

 

Wissenschaft ist gut und wichtig

Grundsätzlich halten wir wissenschaftliche Forschung und Studien wichtig für unser Hobby. Ich denke diesbezüglich sind wir uns alle einig. Natürlich gehen wir mit Projekten und Ergebnissen sicherlich kritischer um, wenn daraus Einschränkungen für uns Angler entstehen. Annahmen dürfen nicht zu Verboten und Einschränkungen führen, insbesondere nicht, wenn die Politik daraus Angler als Gruppe anderen Nutzern gegenüber schlechter stellt (Fischerei > Angler).
Dann erwarten wir von der Wissenschaft deutliche und klare Aussagen, welche Maßnahmen mit welchen Prioritäten angegangen werden müssen und wie man beste Erfolge zum Beispiel für einen Fischbestand erzielt.


Bleiben wir beim Baglimit: Hier hätte man klarstellen müssen, dass eine Aufhebung der „Schonzeit“ für die Fischerei auch klar eine Aufhebung des Baglimit für Angler bedeuten muss.

 

Dieses Projekt wird von uns neutral bewertet

Sicherlich werden einige jetzt fragen, wie wir uns verhalten werden, sollten wir einen markierten Dorsch oder Plattfisch fangen.
Das möchten wir jedoch nicht beantworten.
Wir haben möglichst viele Informationen zu diesem Projekt veröffentlicht und so sollte jeder Angler sich seine eigenen Gedanken machen.
Weder ich persönlich noch die Redaktion von Netzwerk Angeln oder Anglerdemo werden dazu eine Empfehlung abgeben.

 

Aufklärung über wissenschaftliche Projekte für Angler ist wichtig

So, jetzt habt Ihr Zeit Euch Gedanken zu machen und wisst dank unserer Informationen und Fakten zumindest schon einmal, was es mit den markierten Fischen an Eurer Rute auf sich haben könnte.

Nutzt dieses Fundament an Informationen bitte, um für Euch eine eigene Entscheidung zum Umgang mit eventuellen Fängen von markierten Fischen zu treffen.
An dieser Stelle bedanken wir uns natürlich auch für das Vertrauen des MELUND und des Thünen- Institutes, die uns um Unterstützung gebeten haben bzw. für die Erlaubnis zur Veröffentlichung unserer Fragen.


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