welsdrill bellyboat

Der Tag begann um sechs Uhr dreißig. Ich wurde im Nieselregen von einem Karpfenrun am See geweckt. Nachdem ich diesen Fisch versorgt hatte packte ich zusammen, fuhr zum Duschen und Frühstücken nach Hause, schließlich war ich gegen zehn Uhr mit Kai zum Spinnfischen an Main verabredet.
Ich hatte die letzten Wochen die Erfahrung gemacht, dass die Beißfenster der Zander und Barsche mitunter sehr kurz und nur früh am Morgen sind. Deswegen stand ich bereits um halb neun schon wieder am Wasser und pumpte mein Bellyboat auf.

jean bellyboat

Als Rute hatte ich meine kleine, 2,10m lange, Sportex Black Arrow mit einem Wurfgewicht von 10g dabei. Als Hauptschnur eine 0,10er Geflochtene mit 6kg Tragkraft. Mein Lieblingsgummifisch, der Shaker von Lunker City in 8cm-Version mit 1/0er Haken sollte heute wieder einige schöne Barsche ans Band bringen. Mit dieser Spaßkombi machen auch mittlere Barsche Aktion im Drill, größere Zander und Hechte lassen sich dennoch sicher ausdrillen.

sportex black arrowBarschgerät: Eine Sportex Black Arrow mit Wurfgewicht 10g
Bis Kai um Elf dazustieß hatte ich bereits einige Stellen abgegrast und konnte „nur“ einen guten Barsch und einen maßigen Zander vorweisen. Obwohl ich an einigen dieser Plätze letztes Wochenende hervorragend gefangen hatte konnte ich nicht wirklich daran anknüpfen. Zusammen erwischten wir beim Spinnfischen mit sehr leichten Gummifischen in harter Strömung noch einen 70er Zander, aber der restliche Tag war für die aktuelle Jahreszeit mehr als dürftig.

jean zanderEin stattlicher Zander - Ein Glücksfang? Denn  so richtig in Beißlaune waren Barsch und Zander heute nicht.
Diese drei Fische klingen phantastisch, bezieht man aber mit ein, dass wir zu zweit vom Boot aus mehrere Kilometer Gewässerstrecke sechs Stunden lang komplett abklopften ist das ergebnis eher ernüchternd.

lunker city shaker tunedEin etwas getunter Lunker City Shaker - durch das Entfernen des Materials läuft der Schwanzteller deutlich hochfrequenter.

Nach der Rückfahrt, bei der ich zu Kai ins große Schlauchboot umstieg und wir das Bellyboot gegen die Strömung rudernd zurückzogen, wollten wir noch ein paar Würfe an den zuerst befischten Plätzen machen. Aber auch das brachte keinerlei Kontakt mehr.

Gegend 16.15 Uhr verabschiedete sich Kai, ich wollte auch nur noch ein paar Würfe machen und dann abdampfen.
Bei einem weiteren Wurf mit leichtem Köder in starker Strömung bekam ich ein gutes „Tock“.
Anhieb, Fisch hängt, starker Widerstand.

Welsdrill am Barschgeschirr - ob das gutgeht?

Die beiden Wochenenden zuvor hatte ich schon jeweils einen Welskontakt, die ich aber beide nicht landen konnte. Deswegen war mir sofort klar, was Sache ist und ich öffnete die Bremse.
Einen Augenblick danach begann der Drill lehrbuchmäßig. Meterweise ruckartiges Schnur-von-der-Rolle-reißen – die klassischen „Kopfstöße“.
An deser Stelle ankere ich nicht mit dem Bellyboot, sondern halte mich mit kleinen Flossenschlägen immer in einer Kehrströmung auf, was es mir erleichtert die Rute beim Faulenzen gerade zu halten – die Bisserkennung ist also für mich wesentlich besser.
Nun hatte ich aber den Waller in der vorbeischießenden Hauptströmung gehakt.
Ich musste mich also in der Kehrströmung halten. Würde ich dem Fisch entgegen fahren, würde ich ihn sicher verlieren. Er müsste nur gegen die Strömung nach oben ziehen, mich würde es abtreiben und irgendwann wäre der Druck auf das feine Gerät zu groß, ein Abriss wäre vorprogrammiert. Denn in diesem Bereich ist es unmöglich mit dem Belly gegen die Strömung nach oben zu paddeln. Ich schaffte es Kai anrufen, der am Ufer noch dabei war sein Schlauchboot ins Auto zu packen: „Wenn ich Glück hab kannst du mir noch nen Fisch fotografieren, ich komm dann mit ihm rüber.“

Der Waller unterdessen legte immer wieder starke Fluchten hin, ihn in irgendeine Richtung zu dirigieren schien unmöglich. Für jeden gewonnen Meter verlor ich gefühlt zwei. Nach rund einer halben Stunde kam der Wels aber langsam auf mich zu. Die Fluchten in der Hauptströmung wurden kürzer. Er zeigte mir zwar immer noch, wo´s lang ging, aber er bewegte sich gemächlich auf mich zu. Offensichtlich strengte ihn das aktive Schwimmen im schnellen Wasser zu sehr an und er suchte mein beruhigtes Kehrwasser auf. Der Fisch stand nun direkt unter mir, ich hatte die Rute noch immer komplett unter Spannung. Mittlerweile war eine dreiviertel Stunde vergangen.
„Bekommst du ihn überhaupt hoch?“ hörte ich Kai vom Ufer aus rufen.
„Nein, kein Stück weit.“


Ich hatte das Gefühl eines bombenfesten Hängers unter mir, wusste aber, dass sich der Wels einfach nur abgelegt hatte. Also Spannung halten und abwarten.
Mittlerweile dämmerte es immer stärker und ich hatte keine Kopflampe dabei.
Dann sah ich, dass Kais Auto davonfuhr. „Ist der jetzt einfach wortlos heimgefahren?“
Egal, der Drill ging weiter.
Nach über einer Stunde schaffte ich es über die Rute den Fisch minimal vom Boden zu heben. 50cm Schnur gewonnen, zwei, drei Flossenschläge, und ich war wieder etliche Meter los.

Ein Welsdrill auf Biegen und Brechen

Nach jeder dieser Aktionen zog ich mich wieder direkt über ihn. An besagtem Platz befinden sich einige Kanten unter Wasser, die stark mit Muscheln bewachsen sind – Nicht direkt über dem Fisch zu sein kann zum sofortigen Abriss führen.
Mit diesem Prozedere – Waller anheben, Schnur verlieren, zum Fisch ziehen – bewegten wir uns nun in der Strömungskante entlang.
Ich musste allerdings darauf achten nicht zu weit abzutreiben – hier gab es durch Laternen etwas Licht, ein Landen ohne Kopflampe auf dem offenen Fluss wäre unmöglich gewesen.
Nach anderthalb Stunden konnte ich den Waller nun zum ersten Mal ein gutes Stück vom Gewässergrund lösen und sah seine riesige Flanke im trüben Wasser.
Ein müder Flossenschlag und wieder war ich mehrere Meter Schnur los.
So langsam würde aber auch ich müde.


Nun kommt selbst bei komplett krummer Barschrute nicht besonders viel Kraft auf dem Arm an, aber bei einer derart langen Drillzeit wird man früher oder später erschöpft. Außerdem musste ich permanent mit den Flossen paddeln und gegensteuern. Zu allem Überfluss musste ich auch noch aufs Klo.
Ich merkte nun zwar, dass der Fisch mehr oder weniger ausgedrillt ist, aber ich ihn kaum über die Rute heben konnte. In vier Metern Wassertiefe unter mir war nun ein Waller, der zwar wahrscheinlich ähnlich platt ist wie ich, der aber nur mit seinem Gewicht spielt und leicht vor sich hinflösselt, während ich mit einer 10g-Rute kämpfe wie ein Irrer.
Ich sah Kais Auto wieder am Wasser ankommen, direkt danach ein zweites – wahrscheinlich Sebbo.
Weil ich den Fisch über die Rute nicht wirklich anheben konnte griff ich nun in die Schnur.
Das Gefühl eines kapitalen Hängers in einem rießigen Baumstamm, den ich langsam zu mir ziehen kann machte sich breit. Flossenschlag, Schnurverlust, Einschneiden von dünner Geflochtener in Finger, Drill über die Rute.


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Ich hörte ein Knistern am Ufer. „Fresst ihr Ar********“ jetzt echt Chips?“ rief ich zum Ufer.
„Nein, Gummbärchen!“
Beim letzten Heben hatte ich gemerkt, dass ich eine enorm hohe Gefahr von Rutenbruch hatte. Die Rute hatte ich in den Halter neben dem Belly gestellt, den Fisch zog ich quasi senkrecht unter mir hoch, der spitze Winkel war mehr als gefährlich. Außerdem konnte sich die hochgeholte, lose Schnur im Wind um die Spitze wickeln, bei der nächsten Bewegung vom Fisch wäre die Sportex dann Geschichte.
Ich setzte also wieder mit der linken Hand zum Heben an, hielt mit der Rechten die Rute, nahm den Rollenknauf in den Mund und kurbelte so die lose Schnur ein.
Der Drill hatte nun die zwei-Stunden-Marke überschritten.

Der Fisch war jetzt unter der Oberfläche. „Richtige Maschine!“
Flossenschlag, abtauchen, Rute wieder in die Hand nehmen.
„Sebbo, Kai, das wird so nichts. Der Waller ist zwar ausgedrillt, aber ich bekomm ihn hier einfach nicht hoch! Ich schau, dass ich ihn irgendwie zu euch ans Ufer bekomme!“
Ich paddelte also nun direkt in die Hauptströmung, in der Hoffnung den Wels direkt unter mir ans Ufer führen zu können. Das funktionierte auch erstaunlich gut.
Konsquent am Grund, aber direkt unter mir ging ich mit diesem Flussmonster Gassi. Wir trieben mehrere hundert Meter ab, aber ich kam nun in Ufernähe.
„Über die Rute kann ich ihn nicht heben, ich muss über die Schnur gehen.“

Sebbo schlug vor, dass ich ihm die Rute am Ufer übergebe, seine Kopflampe nehme und dann versuche den Drill nur mit der Hand zu beenden. Er würde immer nur leicht Spannung auf der Schnur halten.
Das war die einzige Möglichkeit doch noch irgendwie zu gewinnen.

Unter leichter Spannung paddelte ich die letzten zehn Meter zum Ufer, die Übergabe funktionierte reibungslos. Ein eingespieltes Team beim Angeln ist in Ausnahmesituationen einfach nicht mit Gold aufzuwiegen.
Mit dem Belly folgte ich der Schnur und konnte den Fisch nun erneut vom Grund wegbewegen. Das Maul direkt unter der Oberfläche, ich beugte mich leicht nach vorne um zum Wallergriff anzusetzen. Ein kurzer Klaps auf den Kopf, dieser taucht ab, die Bremse rennt wie Sau, der Schwanz kommt in kompletter Länge aus dem Wasser und erteilt mir eine schallende Ohrfeige über das gesamte Gesicht.

Das selbe Spiel von vorne – ich kann den Fisch bis ans Boot ziehen, setzte zum Wallergriff an, spüre die Zahnreihe am Daumen – erneute Flucht. Diese aber mehr als kurz.

Wieder kann ich den Wels vom Grund lösen und bis ans Belly ziehen. Diesmal setze ich den Griff aber anders herum: Vier Finger ins Maul und der Daumen drückt von außen dagegen. Das hat sich bei derart massiven Kiefern bei mir mehr bewährt.
wallergriffEndlich: Der Wallergriff sichert den Fisch!

Ein halb lautes, halb erschöpftes „JA!“ entfuhr mir. Nach zweieinhalb Stunden Wallerdrill in starker Strömung auf der Barschrute vom Bellyboot war ich der Sieger. Sowohl dem Gerät, als auch mir war alles abverlangt worden. Die Geduld und Ausdauer hat sich am Schluss bezahlt gemacht.
Die neue Schnur war komplett verdrallt und angescheuert, das Fluorocarbonvorfach komplett aufgerauht, die Freundinnen der Angelkumpels genervt, aber ich hatte den Fisch gelandet.
waller bellyboat.. wenn der Fang größer ist als das Boot

jean fertig welsErschöpft aber glücklich mit meinem Bellyboat-Waller!

Euphorie, Erschöpfung, Spannung, Verzweiflung, Angst vor Fischverlust und schlussendlich die Erleichterung und Freude über den gefangenen Fisch - Ein Gefühl, wie es jeder kennt, der schon viel zu große Fische an viel zu schwachen Gerät gedrillt hat – einfach unbeschreiblich.


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Kommentare  

Mensch Jean,
was für ein geiler Bericht dieses besonderen Ausnahmefangs.
Tolle Arbeit die ihr da geleistet habt und super geschrieben. Man fühlt sich, als wäre man dabei gewesen.

Danke für das teilen :)
Antworten
Das war ja mal ein Hammer! Ich habe beim Lesen richtig mitgefiebert. Diesen Fang wirst Du Dein Leben lang nicht vergessen. Petri!
Antworten

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