01 750 teaser trilogie 3

Und hier kommt der Bericht vom Meerforellenurlaub 2019. Wieder mal wurde deutlich, warum das Fischen auf die begehrten Salmoniden mit den Aliasnamen „Salziges Silber“, „Silberne Torpedos“, „Ostseesilber“ usw. für mich so aufregend, aber auch aufzehrend ist. Und hier folgt nun der dritte Teil.

Wieder hatte mein Angelfreund Thomas eingeladen. Unser „alter“, aber junger Angelfreund N. hatte mir im Vorfeld, als ich unseren Besuch ankündigte, schon ein Foto geschickt, das uns noch heißer machte, als wir ohnehin schon immer aufs Meerforellenfischen sind.

 1 super vorgelegtN. hatte super vorgelegt

Dies Jahr sollten wir eigentlich zeitweise zu viert sein, aber Nummer drei, ein Bekannter von Thomas, blieb nur zwei Tage und war schon abgereist, als ich kam. Mein Angel-Bekannter hatte sich trotz fester, langfristiger Zusage und mehrfacher, vergeblicher Kontaktversuche meinerseits einfach nicht mehr gemeldet. Man weiß in solchen Momenten immer solche zuverlässigen Jungs wie Thomas zu schätzen. Also waren wir die zweite Woche wie immer in trauter Zweisamkeit. Fast wie beim sprichwörtlichen alten Ehepaar funktionieren die Abläufe auch fast immer gleich.
Ich kam am Samstagabend an und wollte eine Woche bleiben. Wie immer am ersten Tag: Fischessen mit von mir mitgebrachten Produkten aus eigenem Fang, diesmal heiß geräucherte Renken sowie kalt geräucherte Meerforellenfilets. Dazu Baguette, Sahnemeerrettich, Weißburgunder.

2 erster abend Der erste Abend wie immer

Da Thomas den Tag schon was gefangen hatte, gab es als Hauptgang Meerforelle aus der Folie. Wie immer mit der vortrefflichen Gewürzmischung zubereitet. Es gibt fast nichts Besseres als so einen fangfrischen Fisch.

2.1 erster abendUnser Klassiker: Meerforelle aus der Folie


3 bild

Die Küche unserer recht angenehmen Ferienwohnung wartete allerdings mit den üblichen Defiziten auf: kein vernünftiges Schneidmesser, kein Schneidbrett, schlechte Pfanne. Dafür Eierkocher. Für uns Frühstücksei-Enthusiasten perfekt. Wieder aktuell waren allerdings Abzugsprobleme im Klo. Thomas hatte spontan eine Zusatzspülung arrangiert. Liegt wohl am mangelnden Abwassergefälle im Flachland …

4 klospuelungZusätzliche „Dosis“ Wasser als Zugabe zur Klospülung
Überhaupt waren wir diesmal recht rustikal untergebracht bei „Ferien auf dem Bauernhof“, so zwischen Pferden, Kaninchen, Katzen, Schafen, Hühnern, Spielplatz, Hausteich (wurde aber von uns nicht befischt). So begrüßte uns „Heidi“ immer markant laut blökend, wenn wir ins Auto stiegen und wollte sich eine Einheit „Streichelzoo“ abholen. Echt witzig, die Gute.

5 moinMoin!
Frühstück also mit Frühstücksei. Nicht zu früh, gegen 8 Uhr aufstehen. Früher wollten wir nicht, da wir gerne in den Abend fischen und man ganz früh und spät nur mit Pause schafft. Die Frage nach dem gefärbten Eiern (siehe auch letzter Bericht) stellte sich für mich erstmal nicht: „GELB!“. Die Verpflegungsboxen und Thermosflaschen wurden gefüllt und los ging es ans Wasser! Dachte ich.

6 gelb faengtGELB fängt immer …

Auf ans Wasser - die Meerforellen warten!

Am Parkplatz folgte dann aber erstmal ein denkwürdiges Intermezzo. Thomas` Auto hatte ein Problem. Beziehungsweise hat es derzeit umso mehr, da er die Rückreise damit nicht mehr geschafft hat.

7 auto schiebenWer seinen Wagen liebt, der schiebt!
Aber an diesem Morgen waren schon die Vorboten am Werk. Mehr als ein leises Röcheln gab der Motor nicht von sich, obwohl der Anlasser heftig an ihm rumzerrte. Thomas schob den Wagen ein Stück vor und wiederholte die Prozedur. Nix. Um noch mal, vorschieben, nix. Nach der x-ten Wiederholung klappte es dann aber doch … Weißer Rauch entwich dem Auspuff: „Endlich haben wir wieder einen Meerforellenpapst“, dachte ich noch so. Und an eine Zylinderkopfdichtung. Ich hatte vor Jahren mal einen Motor sauer gefahren.

Los ging es an einen Strand, der zwar in aller Munde schlecht geredet wurde, aber wo Thomas bereits direkt am Parkplatz erfolgreich gewesen war. Hier wurde erstmal intensiv gefischt, bis die ersten Spaziergänger auftauchten. Diese hielten sich nicht nur gefährlich in Nähe unserer fliegenden Leinen auf, die sie offenbar ignorierten, sondern ließen auch ihre Hündelein extensiv umhertollen, wobei der ausgewiesene offizielle Hundestrand strikt gemieden wurde. Standen ja auch gar keine Angler da im Wasser, mit denen man sich anfreunden könnte. Ich stellte fest, dass ich mir zwar nach vielen Jahren mal zwei neue Fliegenschnüre gelistet hatte und neue Vorfächer, aber die Fliegen! Ich hatte es nicht geschafft, neue zu binden. Leider war schon eine Charge des Vorjahres unbrauchbar geworden, weil ich die Bleiunterwicklung (Beschwerung) vergessen hatte. Sie jiggten nicht richtig, sondern sanken lahm wie unbeschwerte tote Köderfische gen Grund. Vor dem Anbinden daher immer das kritische Abwiegen in der Hand. Von meinem Zweitmuster hatte ich gar keine beschwerten Exemplare mehr.

Aber nix und dann erstmal einen längeren Fußmarsch bis um die nächste Spitze. Hier waren schon so einige am angeln. Wir postierten uns rechts und links eines großen Steines in ca. 15m Entfernung im Wasser. Neben uns zwei fleißige Spinnfischer. Wir ließen die Fliege sprechen und fingen jeder erstmal Fisch. Schnell wurde es komischerweise voller am Spot, ein Pärchen mit Spiro platzierte sich rechts von uns und ein Pärchen aus je einem Spinnangler und einem Fliegenfischer links von uns, da, wo die Spinnfischer mittlerweile abgezogen waren. Der Fliegenfischer links fing dann dort auch eine richtig gute Meerforelle deutlich über 50cm, die ihm einen tollen Drill bereitete. Dort, wohlgemerkt, wo die Spinnfischer lange Zeit ihre Köder durchgezogen hatten. Ich hatte auch nochmal Glück, aber letztlich waren es bei uns eher kleinere Fische.

8 traumhafter strandTraumhafter Strand
9 jungschwaeneStillleben mit Jungschwänen
10 anglerbildUnd noch ein schönes Bildsche …
11 urlaubskulisseZurück bei Urlaubskulisse
Somit hatte mir der erste Tag schon mal Fisch gebracht, für den Meerforellenangler sehr entspannend. Nicht ist schlimmer, als erstmal ein paar Tage hintereinander abschneidern, was natürlich durchaus auch passieren kann. Auf der Rückfahrt kreuzte dann noch ein riesiges Rudel Damwild die Fahrbahn.

12 mefoDas Objekt der Begierde – schöner Fisch
Alles gut gelaufen, nur stellte uns jetzt der Wetterbericht vor deutliche Probleme. Da wir uns an der Küste der westlichen Ostsee befanden, stellt starker Südost- bzw. Ostwind um 5-6 mit Böen um 7-8 schon starke Anforderungen an die Kreativität. Abgesehen vom Gegenwind beim Werfen der Fliegen auch noch meterhohe Wellen. Das muss man sich nicht geben.

Der Kompromiss

Für den nächsten Tag wollten wir daher weiter oben im Norden an einen Strand, der nach Nordost zeigte, also einen gewissen Schutz vor dem Südost bot. Mein Lieblingsstrand, hatte ich doch hier schon mal 9 Fische an einem Tag an die Fliegenschnur geleint. Am Vorabend hatte ich nochmal gute Vorsätze gehabt, mein Fliegentüdelzeugs ausgepackt und tatsächlich war ich willens, doch noch brauchbare Fliegen zu binden. Leider war die Wohnung zwar schön und geräumig, aber sehr funzelig beleuchtet. Weiß nicht, was die Norddeutschen so im Dämmerlicht abends machen, aber sicher nicht Fliegen binden. Ich hatte meine beleuchtete Lupenlampe nicht eingepackt, man kann ja auch nicht alles mitnehmen. Schnell wurde aber klar: hier sehe ich nichts, was notwendig zu einer guten Fliege führen könnte. Ein Exemplar stellte ich mühselig fertig, dann gab ich auf. 60+ - kein Alter für optisch anspruchsvolle Aufgaben bei Dämmerlicht.

13 fliegeGar nicht so übel, aber eine Qual, Licht sieht viel heller aus auf dem Foto, als es war!
Nach dem wir Thomas Auto wieder in Gang gebracht hatten, ging es los. Parkplatz war der, auf dem ich letztens doch zwei meiner Ruten hingerichtet hatte. Ans Auto gestellt, vergessen, weg- und drübergefahren. Auch hier waren schon Leute am Angeln. Ich suchte schnell mal meinen Spot auf. Der Wind blies schon früh mächtig genau in den Wurfarm, ein Fliegenfischer versuchte es mit dem Beach-Cast. Ich stellte mich mit dem Rücken zum Wind und fischte relativ parallel zum Ufer. Wieder hatte ich schnell einen Fisch und freute mich schon auf weitere. Der Wind nahm aber immer mehr zu und es machte wirklich keinen Spaß mehr, obwohl ja eigentlich gute Bedingungen waren: auflandige Welle, leichte Trübung am Spülsaum. Mehrfach schlug mir die Fliege um die Ohren, die Kapuze war zum Schutz nötig. Als die Fliege mir aber auf die Lippe sauste und es etwas blutete, brach ich erstmal ab.

Als ich zum Auto ging, um mir was zu trinken zu holen (vergesse ja immer was), kam mir noch ein Fliegenfischer entgegen. Ich meinte so, das wäre ja heute suboptimal für Fliege. Er war ziemlich nassforsch drauf. „Warum?“ entgegnete er schnippisch. Ich so: „Na, bischen Wind hier heute, wa?“ „Man braucht ja gar nicht weit raus“, sagte er und zog weiter. Als ich dann vom Auto wieder zurückkam, sah ich seine Versuche, es auch mit Beach-Cast zu richten. Ständig fiel ihm aber die Leine zusammen, und wenn es mal klappte, hatte er um zehn Meter gewonnen. Als er mich dann sah, zog er erstmal weiter außer Sichtweite und entzog sich der Öffentlichkeit. Da konnte ich mir das Grinsen nicht verkneifen. Dazu mal die Bemerkung, dass man natürlich mit allerlei Tricks und Material doch irgendwie auch immer noch fischen kann. Aber Spaß machte mir das dann nicht mehr. Ich kämpfte noch eine Weile, dann endete dieser Tag irgendwann, ohne dass sich nochmal Fisch gezeigt hätte.
14 baum strand Schöner Strand mit tollen Bäumen
15 auf wasserHe walked on Water – unser neuer MeFo-Papst kann das

Noch mehr Wind

Der Blick auf den Wetterbericht ließ nichts Gutes ahnen: noch mehr Wind noch mehr aus Ost. Thomas hatte nur noch eine letzte Ausweichmöglichkeit parat. Wir mussten nun weit hoch Richtung Dänemark fahren. Der Strand selbst war dann stark belaufen, u. a. ständig Hunde. Kaum am Parkplatz ins Wasser gestiegen, kreuzte eine Kindergartengruppe auf. Das Haupthobby von jungen Kerlen ist ja Steine schmeißen. Weiß man ja aus eigener Erfahrung. Also hübsch raus aus den Fluten und weiterziehen. Glücklicherweise verfolgten die uns nicht weiter. Dafür kamen immer wieder Spaziergänger vorbei, die es zum Teil wohl als ganz besondere Leistung ihrer Toele betrachteten, wenn der oder die Krawallbelle einen ganz dicken Ast aus der unmittelbaren Nähe eines im Wasser stehenden Anglers bergen würden. Zu diesem Zweck wurde mittels grobmotorischen Gewerkels ein solcher auch per „Wurf“ ins Wasser nahe des Ruhe und Erholung suchenden wackeren Fischers eingebracht. Ich hatte schon schnell einen dicken Hals, obwohl ich doch mit Rollkragen gut eingepackt war. Sowas liebe ich einfach, kilometerlanger Strand zum Toben, aber direkt vor den Füßen der angelnden Mitbürger muss ein gebührendes Spektakel veranstaltet werden ...

Der Strand war wassertaktisch eher eine Badewanne. Tangfelder waren irgendwie überall an den Stränden im Winter durch Wasser und Wind abgerissen worden und noch nicht nachgewachsen. Ich fische gerne am Tang oder an Steinen, dieses Auswerfen in die Leere des Wasserkörpers finde ich doch irgendwie öde. Auch hier waren einige Angler unterwegs. Immerhin – und das war schon der dritte Tag mit Fisch – fing ich eine schöne Meerforelle, der wir es abends wieder in Folie schön warm und gemütlich machten. An zwei im Wasser liegenden Steinen hatten wir noch einige seltsame Zupfer und Tocks an den Fliegen, aber keinen Fischkontakt mehr. Wir waren lange unterwegs und hatten noch die weite Rückreise, so dass es sehr spät geworden war an diesem Tag.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich neuerdings in weißen Handschuhe fische? Jaaa, nobel geht die Welt zugrunde! „Fliegenfischen ist Golf in Gummistiefeln!“ zitierte Thomas. Um ehrlich zu sein: das sind Handwerkerteile für Trockenbau … Sehr praktisch, auch bei Nässe gut zu gebrauchen.

16 weisse handschuheDer Herr Graf fischt nur mit weißen Handschuhen
17 abendbrotAbendbrot

Im Wohnzimmer

Wir schliefen relativ lange den nächsten Tag und beschlossen aufgrund der wieder auf Abflauen bedachten Windlage nun endlich „unseren“ Standardstrand, unser „Wohnzimmer“, anzufahren. Der Wind war OK, es war ansonsten hoher Wasserstand und trübes Wasser. Erst hatten wir ein sehr gutes Gefühl, trafen auch noch unseren langjährigen einheimischen Bekannten C., der sich auch optimistisch gab. Sofort bezog ich Stellung an einem meiner Topp-Spots der letzten Jahre. Gleich sah ich auch eine Meerforelle an der Oberfläche.

18 wohnzimmerUnser „Wohnzimmer“, etwas ungemütlich den Tag
Fast sicher, sie zu fangen, warf ich den Ring mit der Fliege an. Normalerweise beißen sie dann auch. Hier aber ausnahmsweise mal nicht. Dann eben zum nächsten Topp-Spot. Und dann eben … ja dann fing es erstmal an, unangenehm zu regnen. Und leider regnete es jetzt auch so viel und dauerhaft, so dass wir schön durchnässten. „Bei Regen soll man ja gut fangen!“ betete Thomas. Das ganze Gegenteil war der Fall und es sollte der Tag völlig ohne Fischkontakt werden. Die Rucksäcke stellten wir zum Schutz in Erdlöcher an der Steilküste. Ich schickte das Bild meiner Frau. Sie fragte trocken, ob das „unsere neue Behausung“ sei.

19 rucksaeckeDie Rucksäcke in Erdlöchern
Auch C. zog irgendwann ab, nicht ohne vorher noch auf die bisher extrem schlechte Saison zu schimpfen, die ihm erst vier kleinere Fisch gebracht hatte. „Na dann mal bis zum nächsten Jahr!“ sagte er noch in Anspielung auf die Windaussichten der nächsten Tage. Ja, es drohte wieder Ostwind! Ich kämpfte weiter. Wurf auf Wurf, auch wenn irgendwann der Glaube völlig fehlte. DAS ist Meerforellenfischen sagte ich mir, die Harten kommen in den Garten! Ansparen von Würfen auf die nächste Chance, redet man sich ja ein. Wieder einen Kilometer Leine gestrippt. Stochastische Frage, Wahrscheinlichkeitsrechnung – als Mathematiker weiß man das. Aber glaubt man in diesen Momenten, wo gar nichts geht, auch daran? Durchnässt fingen wir dann später doch sehr an zu frieren, es hörte zwar auf zu regnen, aber wir brachen dann früher ab als sonst.

Nicht zu fassen …

Der Wind nötigte uns nun ab, weit nach Süden zu fahren. Wieder ein Strand, der für mich neu war, nunmehr der dritte. Auch hier war wieder erstmal ein langer Anmarsch zu den Spots nötig, die erstmal gefunden werden wollten. Immerhin kannte Thomas ein Riff an einer Landspitze und empfahl mir, dort zu fischen. Er selber musste erstmal zurücklatschen, hatte er doch seinen Kescher auf dem Autodach zurückgelassen. Hätte von mir sein können. Wollte er mir Konkurrenz im Vergessen machen? Kaum war Thomas weg, sah ich schon Fisch vor mir! Prima, dann mal schnell (an-)fangen. Und dann fing, so glaube ich, meine dunkle Phase dieses Urlaubs an. Bei einem der ersten Würfe legte ich auf halber Strecke einen Stripstop ein, um irgendwas an meiner Wathose zu richten. Und genau so, wie es immer sein muss, biss just in dem Moment ein Fisch. Ich wollte schnell Fühlung aufnehmen, hatte die Forelle noch dran, sah sie an der Oberfläche – und Tschüss! Ich hatte gleich so ein doofes Gefühl, dass da gehörig der Wurm drin sei und ich auch gleich Schluss machen könnte. Man kennt diese Situationen ja schon genau. Naja, vielleicht halb so wild. Fisch ist ja da, beißen tun sie, also weiter im Text! Voll konzentriert fischte ich weiter. Mittlerweile hatte sich neben mir ein Spinnfischer eingefunden. Er fischte eine Weile und hatte dann weit draußen einen fulminanten Biss, eine stattliche Forelle sprang am Horizont umher. Er konnte sie landen, es war ein Fisch der Ü60-Klasse. „Mit dem letzten Wurf!“ sagte er noch, machte den Fisch sauber und verließ den Tatort. Ich war begeistert, zeigt sich doch nun auch direkt vor mir in Wurfweite ständig Fisch. Aber um es vorweg zu nehmen: es wurde nichts mehr. Die Meerforellen raubten kleine Fische vor meinen Füßen und ließen meine Fliege links liegen. Ich war am Verzweifeln, sowas hatte ich noch nie erlebt. Ich wechselte sogar die Fliege mehrfach, was ich sonst eigentlich nie tue. Wurmfliege, Fischchenfliege, Bugger, dann wieder Magnus. Schnell geführt, langsam geführt, flach, tief. Nicht einen Zupfer. Wir bissen uns förmlich die Zähne aus. Es war zum Verzweifeln. Jeder kennt solche Situationen. Thomas altklug: „Fische, die man sieht, fängt man nicht!“. Dann beruhigte sich auch die Situation wieder.

Aber es kam noch schlimmer. Als mitten in meiner Esspause unerhörterweise wieder Fisch am Spot aufkreuzte, gab es kein Halten! Schnell ab ins Wasser, da waren sie wieder, direkt vor mir! Schnell Schnur abziehen, aber was war das? Warum ging das plötzlich so leicht? Tja, kein Urlaub ohne Rutenmord. Wieder hatte ich meine geliebte 7er einen Kopf bzw. Ring kürzer gemacht. Die, mit der ich meine erste und größte Meerforelle, meinen ersten und größten Lachs, meinen ersten und größten Hecht gefangen hatte. Schnief! Vielleicht sollte ich sie jetzt doch in die Vitrine stellen? Fast schlimmer waren aber die vielen Fische da plötzlich, ich glaube, die machten sich über mich lustig. Also auch ich: laaanger Fußmarsch zurück zum Auto, Ersatzrute holen. Vielleicht sollte ich die nächsten male immer gleich mitnehmen.

20 5 teilige ruteBraucht jemand eine fünfteilige Fliegenrute?
Natürlich fing ich nichts mehr. Ich kämpfte, aber es half nichts. Ein Spinnfischer fing dann spät rechts von mir auch noch eine (kleinere) Forelle. Der Tag war für mich gelaufen. Getröstet wurden wir von einem tollen Sonnenuntergang.

21 schoener strandEinfach schön abends am Strand
Ach ja – fast vergessen! Zum Überfluss kam beim Ausziehen am Auto noch zum Vorschein, dass das Ersatzexemplar der von mir wegen Undichtigkeit nach wenigen Tagen Fischens reklamierten Wathose, das ich an diesem Tag mal testen wollte, diesmal schon am ersten Tag undicht war. Respekt. Es gibt zwar wohl eher wieder Maikäfer, aber keine dichten Wathosen mehr.

22 nasse sockenNicht ganz dicht, die Hose, und nasse Füße
So ging auch dieser einmal mehr denkwürdige Tag zu Ende. Wieder hatten wir bis spät gefischt, diesmal wieder erfolglos. Wir trösteten uns mit Erbsensuppe und Pils.

23 schnelles essenMusste schnell gehen – aber lecker!

Pech in Glückstadt

Nach diesem Tag war meine Laune irgendwie umgeschlagen. Bisher nur kleinere Fische und es fehlt einfach der Kracher, den wir immer mal wieder dabeigehabt hatten. Es war der letzte Tag und der Wind stand so ungünstig, dass wir wieder in Richtung Dänemark an den „Hundestrand“ fuhren, der gar kein „Hundestrand“ war. Zur Ehrenrettung der Hundehalter musste ich aber feststellen, dass immerhin einer das am Stand abgeladene Geschäft seines vierbeinigen Kläffers aufsammelte. Respekt! Es war also der letzte Tag, die Bedingungen waren lala, zeitweise auch hier böiger Wind in dem Wurfarm, irgendwie uninspirierend für mich, Zwar sah man auch mal einen Fisch irgendwo draußen, aber es tat sich nix, auch nicht an den zwei Steinen. Kein „Tock“, kein „Zupf“!
Ein Kitesurfer zog seinen Bahnen und hatte ein Affenzahn drauf. Der Wind blies eben heftig und immer wieder von der Seite in die Leine. Ich konnte auch einen sehr großen Greifvogel ausmachen, vermutlich ein Seeadler. Ich machte Ernst und versuchte alles, ging noch zwei Kilometer weiter, fischte zwei kleine Bodenerhebungen ab. Als ich wieder zurück auf dem Weg zu Thomas war, war da eine Sitzgruppe, ich nahm Platz. Es geschah da etwas Denkwürdiges, behaupte ich mit dem Wissen von heute. Ich überprüfte mein Vorfach! Es waren windgeschuldete Luftknoten drin. Ich knüpfte tatsächlich ein neues Vorfach an, mach ich sonst eher selten.

24 sitzgruppe Pause an der Sitzgruppe mit Erneuerung und Prüfen von Vorfach und Montage (!!)
Dann ging ich zurück zu unseren Rucksäcken. Mittlerweile hatte aber doch Strömung eingesetzt. Ich ging ins Wasser und probierte es da, wo ich am ersten Tag schon mal einen Fisch gesehen hatte. Eingang der Bucht, vielleicht mit der Strömung jetzt eine interessante Ecke. Aber nichts tat sich. Im Gegenteil. Auf dem schmalen Strandstück kam nun eine ältere Dame mit großem, schwarzem Hund vorbei. Schon weiter vorne, wo Thomas stand, wurde sie nicht müde, einen Ast immer wieder ins Wasser zu werfen, auf dass ihr Apportbello wie blöde lautstark platschend ins Wasser raste, um das Teil zu wieder an Land zu schleifen. Als sie bei mir ankam, das gleiche Spiel. Ich hatte den Kanal auf und sprach sie direkt an. Eigentlich ja zwecklos, aber so einfach wollte ich mich nicht ergeben. Ich schilderte ihr mal mit einfachen Worten meine Meinung zu dem Geschehen, wonach der Strand ja kilometerlang sei, aber ausgerechnet da, wo wir nahe im Wasser ständen, ein solches Spektakel zu veranstalten ja wohl etwas soziophob sei. Oder so ähnlich. Und was sagt die da zu mir? Sie dächte, ich angele in die andere Richtung! Blöder geht’s ja fast gar nicht mehr. Ich war ja fast geneigt, ihr bei der versammelten Blödheit auch noch zu glauben. Ich sage ja immer, man solle Dritten nicht immer zu viel destruktive Intelligenz unterstellen, da sie oft nur einfach und schlicht doof sind.

Wie dem auch sei. Aber dann kam es wirklich dicke. Ich dachte schon, na hier brauchste nach dem Theaterlärm jetzt wirklich nicht mehr weitermachen – aber da! Ich strippte so gedankenverloren meine Fliege ein, da zupfte doch kurz etwas. Schnell war ich wieder richtig wach. Nächster Wurf, stripp, stripp – und Biss!! Ahhh, endlich hing mal wieder ein Fisch. Hatte gar nicht mehr damit gerechnet. Wie so oft, schwamm der Fisch auf mich zu. Schnell die Leine mit der Hand aufnehmen. Und dann ging alles GANZ SCHNELL. Der Fisch riss mit einem großen Ruck die gesamten Meter Schnur, die vor mir im Wasser lagen raus und schon ging er in die Bremse. Dann zeigt er sich mal in aller Pracht. Mir verschlug es die Sprache. Die Meerforelle sprang, ich schätze sie auf über 10 Pfund bei 80+cm. Dann schlug das Viech nach Wiedereintritt zwei- dreimal mit dem Kopf rechts und links und dann – ja dann kam dieses endlos traurige wohl bekannte Gefühl, wenn du urplötzlich dein loses Schnurende im Wasser baumeln siehst. Ganz spontan kam der Gedanke, sofort zu packen und nach Hause zu fahren und nie wieder eine Rute anzufassen. Dann merkte ich, wie sehr die Hände zitterten. Ich war lange fassungslos. Eigentlich sehr lange sehr fassungslos. Eigentlich immer auch jetzt noch …

Ich watete zum Ufer und setzte mich auf einen Stein. Der Schock musste tief gesessen haben, denn der Stein war abschüssig und glitschig. Plopp. Ich hing halb im Wasser, vermied das Vollbad durch Abstützen mit dem rechten Arm – an dem war allerdings alles völlig durchnässt.

25 doofer steinDoofer Stein – kein so ganz (waage-)rechtes Sitzmöbel
Hatte ich nicht gerade vorher in für mich völlig außergewöhnlicher Weise das gesamte Vorfach kontrolliert? Hatte ich eine Ahnung, was kommen würde? Instinkt? Gerissen war die Schnur oberhalb des Tippets im sich verjüngenden Teil. War das vielleicht die ganz große einmalige Chance auf die Traumforelle? Würde ich so eine Chance in diesem Leben noch mal wieder bekommen? Tausend Gedanke rasten im Kopf hin- und her. Wäre das nicht der verdiente Lohn für das Durchhalten gewesen? Kurz vor Ende, sozusagen dramaturgischer Höhepunkt? Und nun – dramaturgischer Tiefpunkt?

Ich tat das, was man in solchen Fällen tun muss, glaubt man den Psychologen. Weiterfischen. Vielleicht das Unmögliche möglich machen, noch so einen Biss mit besserem Ausgang für mich. Aber natürlich will der liebe Gott sowas nicht wirklich. Du hattest Deine Chance, bitte schön.

Heimreise

Ich hatte schon am Morgen beschlossen, noch am Abend wieder nach Hause zu fahren. Ich packte meine Sachen – diesmal nichts zurückgelassen? Schon wieder verwunderlich. Eine seltsame Angeltour. Ich konnte noch das folgende Foto machen. Ich bin dafür, auch am Wasser sicher online zu sein, statt mit abbrechender Handyverbindung an der Steilküste …

26 glasfaserOhne Probleme am Wasser …
Ich kam gut durch und setzte mich zuhause erstmal an den Computer (habe übrigens bereits einen Glasfaseranschluss). Ich rief meine Angel-Community auf facebook auf und schilderte den Vorfall mit der Bitte um moralischen Beistand. Braucht man wohl neben ein paar Bieren zur Verarbeitung. Aber man kennt ja auch seine Pappenheimer. Vom lieben Trost bis zur finalen Häme alles dabei. Diese Schlacken!

Thomas hatte am nächsten Tag die Heimreise angetreten. Sein Auto hat ihm unterwegs den Dienst wohl endgültig versagt. Mir bleibt nun die übliche Bilanz. Für mich hat diese Art zu fischen immer eine unglaubliche Erlebnistiefe. Dabei geht es nicht nur um Fisch. Die sagenhafte Landschaft, die motorische Beanspruchung, das emotionale Auf und Ab, die vielen Kleinigkeiten, die einem so im Gedächtnis haften bleiben, das hat was. Ich glaube doch, dass ich das alles bald wieder sehr vermissen werde und mich hoffentlich bald ins nächste Meerforellenabenteuer mit Thomas stürzen kann, dem ich hier auch noch mal sehr für seine Organisationsfreudigkeit und Gastfreundschaft danken möchte!

Und wer weiß – man sieht sich ja angeblich immer zweimal im Leben. Das gilt doch auch für Fische – oder?



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