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Ein Team von Wissenschaftlern um Robert Arlinghaus (IGB) hält es für unabdingbar, Angler beim Fischereimanagement und der Gewässerschutzpolitik viel stärker zu berücksichtigen. Der Schwerpunkt lag bislang auf den Ansprüchen / Forderungen der Berufsfischerei. Weltweit gibt es aber fünfmal mehr Angler. Ein 5-Punkte-Plan soll die Freizeitfischerei jetzt ins Boot holen.Angelfischereiliche Ziele explizit in die Gewässerbewirtschaftung integrieren.

  • 1. Angelfischereiliche Ziele explizit in die Gewässerbewirtschaftung integrieren
  • 2. Anglerorganisationen bilden und in die Bewirtschaftung einbinden
  • 3. Variable Bewirtschaftungsansätze zulassen und lokal umsetzen
  • 4. Die richtigen Instrumente einsetzen
  • 5. Monitoring verbessern

Hier ist der Link zum Artikel in den PNAS (einem DER Top Wissenschafts-Magazine weltweit):

Nebenbei bemerkt:
(1) Auf dem Bild zum Artikel zwei Niedersachsen: Michael Meschgang und Florian Heemann und
(2) AVN-Biologe Thomas Klefoth war Teil des hochkarätigen Autorenteams

Text und Bild Florian Möllers, Anglerverband Niedersachsen


PRESSEMELDUNG des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Fünf Punkte Plan, um 220 Millionen Hobbyangler in eine nachhaltige Fischerei-­ und Gewässerschutzpolitik zu integrieren

Weltweit gibt es etwa fünf Mal mehr Hobbyangler als Berufsfischer. Bisher berücksichtigt die internationale Fischerei-­ und Gewässerschutzpolitik die Bedürfnisse und Eigenheiten dieser 220 Millionen Angler kaum. Das führt zu Nutzungskonflikten und wird dem Management von Fischbeständen nicht gerecht. Ein internationales Team aus Fischereiwissenschaftlern, Ökonomen, Soziologen und Ökologen um Robert Arlinghaus vom Leibniz-­‐Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) hat nun einen Fünf-­Punkte-­Plan für eine Reform vorgelegt.

florian moellers avn igbEine verbesserte Fischerei-­ und Naturschutzpolitik spiegelt die Bedürfnisse der Angelfischerei stärker wieder als bisher der Fall | Foto: Florian Möllers

In der öffentlichen und politischen Wahrnehmung wird die soziale, wirtschaftliche und ökologische Bedeutung der hobbymäßig ausgeübten Angelfischerei im Vergleich zur kommerziellen Fangfischerei stark unterschätzt. Dabei übersteigen die von der Freizeitfischerei abhängigen Arbeitsplätze in vielen Regionen die volkswirtschaftliche Bedeutung der Erwerbsfischerei. Jede zehnte Person in Industrienationen angelt während der Freizeit. Das sind rund 220 Millionen Menschen weltweit – in Deutschland rund 4 Millionen, deren Ausgaben etwa 52.000 Arbeitsplätze stützen. Zwar entnimmt die kommerzielle Fischerei den Gewässern etwa acht Mal mehr Fisch als die Hobbyfischerei. In den Binnengewässern der gemäßigten Breiten sind Freizeitangler jedoch mittlerweile die Hauptnutzer von Wildfischbeständen. Auch in der Küsten-­ und Meeresfischerei steigt die Bedeutung der Angelfischerei kontinuierlich. Trotz alledem orientiert sich die Bewirtschaftung der Gewässer und ihrer Fischbestände überwiegend an den Bedürfnissen von Berufsfischern oder vom Naturschutz. Dies kann zu Konflikten führen, wie aktuelle Beispiele beim Ostseedorsch oder dem Red Snapper im Golf von Mexico zeigen.

Unter Federführung von Prof. Dr. Robert Arlinghaus vom Leibniz-­‐Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der Humboldt-­‐Universität zu Berlin hat ein internationales Team aus Fischereiforschern, Soziologen, Ökonomen und Ökologen aus Deutschland, Spanien, Kanada und den USA in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America nun einen Fünf-­Punkte-­Plan für die Reform der globalen Fischerei-­ und Gewässerschutzpolitik vorgelegt. Die Vorschläge berücksichtigen die spezifischen Eigenheiten und Charakteristika der Angelfischerei und richten sich vor allem an nationale und internationale politische Entscheidungsträger. „Selbst Länder mit einer starken Administration scheitern daran, die Angelfischerei effektiv in das Fischerei-­ und Naturschutzmanagementsystem zu integrieren. Wir sind überzeugt, dass Gewässerbewirtschaftungs-­ und Schutzmaßnahmen effektiver wären, wenn die Interessen der Angler gleichrangig zu denen der Berufsfischer und des Naturschutzes berücksichtigt würden“, erläutert der Hauptautor der Studie Robert Arlinghaus, seine Erwartungen an einen Reformprozess.

Fünf - Punkte - Plan zur Reform der Fischerei- und Gewässerschutzpolitik

    1.: Angelfischereiliche Ziele explizit in die Gewässerbewirtschaftung integrieren
Eine nachhaltige fischereiliche Bewirtschaftung verlangt die Berücksichtigung angelfischereilicher Bewirtschaftungsziele, die sich maßgeblich von denen in der Erwerbsfischerei unterscheiden.

„Die Managementwerkzeuge der Erwerbsfischerei, wie die Orientierung am maximalen nachhaltigen Dauerertrag, sind für die Freizeitfischerei ungeeignet. Nichtsdestotrotz halten viele Länder an der traditionellen Bewirtschaftung fest, gerade in der Meeresfischerei, und erkennen dadurch den hohen sozio‐ökonomischen Wert der Angelfischerei nicht an. Und auch die hiesige Gewässer-­‐ und Naturschutzpolitik ist zu häufig darauf ausgerichtet, Angler von den Gewässern zu verdrängen statt integrativ zu agieren. Dabei haben Angler ein hohes Interesse am Arten-‐ und Naturschutz“, bemerkt Dr. Thomas Klefoth, Fischereibiologe beim Anglerverband Niedersachsen und Mitautor des Fachartikels.

    2.: Anglerorganisationen bilden und in die Bewirtschaftung einbinden
Hierzulande sind die meisten Angler in Vereinen oder Verbänden organisiert. Doch das ist international nur selten der Fall. Die Bildung und Involvierung von Anglerorganisationen in das praktische Fischereimanagement sind zentrale Komponenten einer zukunftsfähigen Gewässerbewirtschaftung.

    3.: Variable Bewirtschaftungsansätze zulassen und lokal umsetzen
Es ist nicht möglich, mit einer einzigen Bewirtschaftungsweise die oft konkurrierenden Ziele einer heterogenen Gruppe von Hobbyanglern zu erfüllen. Daher sind einheitliche Mindest-­‐ und andere Schonmaßnahmen, die für alle Gewässer in einer Region zutreffen, problematisch. Auf lokale Bedürfnisse zugeschnittene Vorschriften und Regeln erfordern aber ein gewisses Maß an Entscheidungssouveränität auf Seiten von Anglern und anderen Bewirtschaftern. Wie die Beispiele der hiesigen privatrechtlich organisierten Binnenfischerei zeigen, zahlt es sich aus, die Angler in lokale Managementmaßnahmen einzubeziehen und sie über Vereine und Verbände mit Bewirtschaftungskompetenzen für die lokalen Gewässer auszustatten.

    4.: Die richtigen Instrumente einsetzen
Alle Angler nutzen einen gemeinsamen Ressourcenbestand, der auch durch das eigene Handeln erschöpft werden kann. Viele Bestände sind sowohl durch Berufsfischer als auch durch Angler unter starkem Entnahmedruck. Zusätzlich wirkten nichtfischereiliche Faktoren wie Gewässerverbau und Klimawandel negativ auf die Fischproduktivität ein, was die Widerstandsfähigkeit einiger Bestände gegenüber Fischerei zusätzlich reduziert. Unter diesen Bedingungen sind auch unpopuläre Bewirtschaftungsstrategien, wie Zugangsbeschränkungen oder käuflich erwerbbare Erntemarken, geeigneter als das Festhalten an der Ausgabe von Jahreslizenzen für theoretisch unbegrenzte Anglerzahlen und -­entnahmemengen.

    5.: Monitoring verbessern
All diese Maßnahmen nützen jedoch nur etwas, wenn die wichtigsten Bestände und Gewässer periodisch bewertet werden. Die Bereitstellung aussagekräftiger Daten von guter Qualität ist nicht zuletzt auch die Verantwortung der Angler selbst. Nur so können schleichende Überfischungen verhindert und Bewirtschaftungsziele und -­strategien bei Bedarf angepasst werden. Neue Technologien wie etwa Smartphone-­Apps erlauben das Monitoring von Fängen und anderen Daten von und über Angler fast in Echtzeit. Manche Angler und Verbände empfinden diese Technologien als Überwachung und wehren sich dagegen, aber ohne ein modernes Monitoring, das kosteneffizient Daten von Hundertausenden Personen organisiert, können weder Konflikte gelöst noch eine zielorientierte Bewirtschaftung aufgebaut werden. Das Vertrauen der Angler in eine transparente und zielorientierte Nutzung und Analyse der Daten muss aber erst noch aufgebaut und langfristig sichergestellt werden.

„Die fünf Schritte zur Politikreform fordern Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Interessensvertretungen zu einem proaktiven Umgang mit der Angelfischerei auf. Angler sollten gleichberechtigt zu anderen Naturnutzungen und -­ansprüchen behandelt werden. Nur so lassen sich die ständig steigenden Konflikte mit anderen Ansprüchen an die Gewässer und Fischbestände adressieren. Es gilt die Fischerei und die Natur als Ganzes in guter Qualität zu bewahren, das geht nur durch Mit-­ statt Gegeneinander“, resümiert Arlinghaus.

Dominique Niessner, Nadja Neumann, Robert Arlinghaus


QUELLE

Arlinghaus, R., Abbott, J.K., Fenichel, E.P., Carpenter, S.R., Hunt, L.M., Alós, J., Klefoth, T., Cooke, S.J., Hilborn, R., Jensen, O.P., Wilberg, M.J., Post, J.R., Manfredo, M.J. (2019). Governing the recreational dimension of global fisheries. Proceedings of the National Academy of Sciences, im Druck. Doi: www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1902796116


KONTAKT

Prof. Dr. Robert Arlinghaus
Professor für Integratives Fischereimanagement an der Humboldt‐Universität zu Berlin und am Leibniz-­‐Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) Abteilung Biologie und Ökologie der Fische
Müggelseedamm 310
12587 Berlin


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Kommentare  

Wenn ich die 5 Punkte lese, was da alles an Einschränkungen und Kontrolle kommen soll (Zugangsbeschränkungen oder käuflich erwerbbare Erntemarken statt Jahreskarten), Anglerüberwachung per App (neue Technologien wie etwa Smartphone-­Apps erlauben das Monitoring von Fängen und anderen Daten von und über Angler fast in Echtzeit.) etc. sehe ich eher, dass viele Angler momentan noch gar nicht realisieren, was sie da bejubeln.
Da scheint eher eine Kontroll-, Verbots- und Einschränkungsorgie wie in China (Punktesystem bei Wohlverhalten der Bevölkerung) angedacht zu sein, als das Angeln wieder mehr in Hände der Angler zu legen..

Wenn ich dann noch sehe, was in Europa diskutiert und vorbereitet wird an Anglereinschränkungen, bzw. jetzt schon gilt (mit "Ermächtigung"" der Mitgliedsstaaten, Angler wie Fischer zu behandeln, Artikel 2 und 19 nur als Beispiele), dann schwindet die Hoffnung auf Subsidiarität und Eigenverantwortung oder ein bisschen Freiheit für Angler schnell...

Dass sich hier die Wissenschaft versucht (Monitoring) weiterhin und weitere Geldquellen zu erschliessen, machen sie deutlich besser als sich DAFV und Konsorten jemals für Angler eingesetzt haben (sind ja auch nur Naturschützer)..

Quelle EU:
VERORDNUNG (EU) 2019/124 DES RATES
vom 30. Januar 2019
https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32019R0124&from=FR
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Mir wird übel, wenn ich das lese.
Der maschinenlesbare Verbandsausweis durch die wissenschaftliche Hintertür.
Aus diesem Mist folgt logischerweise, dass weit über die Hälfte der Ü50 Angler ein Angelverbot bekommen, weil sie nicht genügend Kenntnisse im Umgang mit Smartphones haben.
Von datenschutzrechtlichen Aspekten ist auch nichts zu lesen.
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Natürlich birgt das alles auch Nachteile, aber ein "Angelverbot für nicht Smartphone nutzende Angler" wird es mit Sicherheit nicht geben.

Die Generation Angler, welche sich überwacht und kontrolliert fühlt, weil sie Daten sammeln um Bestände/Arten zu schützen, stirbt sowieso langsam aus.

Vielmehr geht es darum der Jugend zu zeigen, dass es des Anglers Interesse ist!
Wenn ich mich am Wasser umschaue, stechen leider immer noch die negativ Beispiele am stärksten heraus (Müll,Flaschen,Schnur etc. kennzeichnen "Stammplätze").

Ein Mindestmaß und ein MAXIMALMAß(!) sind durchaus wichtig, auch wenn ein fast jeder Petrijünger den 1,10m Hecht lieber abknüppelt statt abfotografiert...
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